Wäre Luther heute Katholik?

Lutherforum_2015
Der überdachte Innenhof des Schillerhauses Rudolstadt wurde mit Bedacht als Veranstaltunsgort für das erste Lutherforum des Kirchenkreises Rudolstadt-Saalfeld gewählt. Hat er doch, nach den einführenden Worten von Superintendent Peter Taeger, Ähnlichkeit mit der Agora der alten Griechen, einem öffentlichen Platz für den gesellschaftlichen Disput, dem sich seinerzeit Paulus stellte und den Luther vor 500 Jahren im Mitteldeutschen Raum neu entfachte. Mit den ca. 30 Teilnehmern und Teilnehmerinnen war der Platz ausgefüllt. Auf dem Podium: Prof. Dr. Josef Freitag von der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Landesbischof i.R. Prof. Dr. Christoph Kähler aus Leipzig und Moderator Johannes Beleites, Jurist und schon als Jugendlicher in der DDR-Opposition.

Das Forum sollte die Fragen klären: Wäre Luther heute Protestant? Und: Was gibt es heute nach 500 Jahren Reformation eigentlich zu feiern? Diese Frage ging zuerst an den katholischen Theologen und die Klarstellung seinerseits schien die Protestanten doch ein wenig nachdenklich zu machen: “In Sachen Reformation gibt es seitens der katholischen Kirche nichts zu feiern, schließlich bedeutet sie 500 Jahre Kirchentrennung”. Für die kath. Kirche heiße 500 Jahre Reformation doch eher “Gedenken”. Bischof i.R. Dr. Kähler entgegnete, dass Luther den Graben zwischen Klerus und den Gläubigen der Kirche überwunden habe. Er verwies auf die Bibelübersetzung und die Förderung der gemeinsamen Sprache sowie auf die gesellschaftliche Neubestimmung des Menschen, die er in der Denkschrift “Von der Freyheith eines Christenmenschen” entfaltete: “Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.” Vielleicht war das auch der Grund, weshalb sich die Diskussion in ihrem weiteren Verlauf doch um sehr gegenwärtige gesellschaftliche Probleme drehte und weniger um die Kirche selbst: Zuwanderung und Flüchtlinge, die Stellung zum Islam. Aber dann kam es doch zur Frage des Selbstverständnisses der Kirchen und ihrer Mitgliederentwicklung. Prof. Dr. Freitag betonte, dass es keinen wesentlichen Unterschied im Glauben gäbe, wohl aber in der institutionellen Kirche, so z.B. die eine gemeinsame Instanz der Bibelauslegung in der Katholischen Kirche. Prof. Kähler verspürt dagegen eine Unruhe darüber, wenn von einer Person wie dem Papst so viel abhängt. Erbe der Reformation sei es, dass die Lehre der Evangelischen Kirche gemeinsam erarbeitet werde. Prof. Freitag stellte im anschließenden Interview jedoch klar, dass dies eine typische Sicht von außen auf die Katholische Kirche sei. Die Gläubigen und Bischöfe vor Ort hätten durchaus eigene Diskussions- Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse, die nicht von “oben” gesteuert würden. Prof. Kähler betonte, dass die heutige Katholische Kirche nicht mit der Kirche zu Luthers Zeiten vergleichbar wäre.

Prof. Freitag erläuterte zum Schluß der Diskussion, daß die Katholische Kirche natürlich nicht ohne Reformation verstanden werden kann. Es kommt darauf an, zu fragen was bleibt? Die Reformation wandere “ins Museum”, aber vor uns liegt die Zukunft. So ist es eine Auswirkung der Reformation, daß die Verkündigung im Gottesdienst einen festen Platz bekommen hat, auch in der Katholischen Kirche. Ebenso hätte die Kirchenmusik erst durch die Reformation auch in Teilen der Katholischen Kirche Einzug gehalten. Darüber hinaus wurde auf Vatikanum II, dem Konzil 1962 festgestellt, dass sich die Katholische Kirche zu reformieren hätte. Insofern wäre es vielleicht interessant gewesen die Frage zu stellen: Wäre Luther heute Katholik?

Veröffentlicht in Ostthüringer Zeitung

Ein Radiobeitrag zum Thema wurde gesendet im SRB und ist im kina Podcast verfügbar

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