Hörst Du das – auch so laut wie ich?

Altes Radio, neuer Kopfhörer Foto: xpilgrim

Altes Radio, neuer Kopfhörer

Was ist laut und was ist leise?

Die Ansichten darüber gehen weit auseinander und haben schon manchen Nachbarschaftsstreit eskalieren lassen.
In der Tontechnik wird die Lautstärke nach eindeutig messbaren Werten beurteilt und eingestellt. Diese sind teilweise von den pyhsikalischen Eigenschaften abhängig. Eine Röhre oder ein Transistor kann z.B. nur Amplituden bis zum Wert X verarbeiten. Die Lautstärke wird in Dezibel angegeben. In der elektronischen Tonverarbeitung und Übertragung gilt ein Normpegel von 0dB als Richtwert. Er hat dann z.B. eine Entsprechung in 1,55 Volt. Dieser Wert ist zwar sehr wichtig für Verarbeitung, Übertragung und Speicherung von Tönen, aber er sagt noch nicht alles darüber aus, wie laut der Mensch einen Ton in dieser Lautstärke tatsächlich empfindet.

So hängt die Wahrnahme der Lautstärke z.B. auch von der Tonhöhe ab. Einen tiefen Ton mit 0dB Vollaussteuerung nehmen die meisten Menschen nicht so laut war, wie einen hohen Ton in der gleichen Lautstärke. Aber wann hören wir Musik, nur mit tiefen oder hohen Tönen? Un wann hören wir die Töne wirklich “rein” also unverfälscht von einem parallel laufenden Gespräch des Nachbarn oder der vorbeifahrenden Autos? Auch diese Nebengeräusche führen zu einer veränderten Wahrnahme der Lautsärke des gleichen Audiomaterials. Der Mensch lässt sich weiter in die Irre führen, wenn er unmittelbar aufeinander folgend Musikstücke mit sehr unterschiedlicher oder sehr ähnlicher Lautstärke hört. Dabei haben wir noch nicht berücksichtigt, dass es technische Möglichkeiten gibt, die Lautstärke bei gleichem Pegel zu verdichten. Die Anzeige des Gerätes zeigt uns bei beiden 0dB aber der Mensch nimmt das eine viel lauter wahr als das andere. Das sind bei weitem nicht alle Dinge, die mitunter sogar zum unterschiedlichen Lautstärkeempfinden der technisch absolut gleichen Musikstücke führen können. Es ist also ein sehr, sehr komplexes Feld, will man die wahrgenommene Lautstärke richtig beurteilen.

Trotzdem hat man nichts unversucht gelassen um die Wahrnahme der Lautstärke durch den Menschen in technische Formeln, also Algorithmen zu bringen. Die Ergebnisse der Forschung führten zur ergänzenden Einführung des Begriffes Lautheit und des technischen Verfahrens, Audiodateien mit einem sog. ReplayGain zu versehen. Dieser ReplayGain-Wert wird durch Werkzeuge wie foobar Replaygain oder mp3Gain errechnet und in mp3-Dateien für eine gleichmäßige Wiedergabelautheit gespeichert. Auch diese Lautheit wird in Dezibel angegeben, bezieht sich aber nicht mehr auf eine korrespondierende Spannung in Volt sondern auf den Schalldruck oder die “Energie” eines Musikstückes. Deshab erhält der dB-Wert den Zusatz SPL. Bei OpenAir Konzerten gibt es inzwischen gesetzliche Vorgaben, in welchem Abstand von der Bühne welcher maximale Schalldruck vorhanden sein darf.

Stereo-Abstimmung Foto: xpilgrim

Stereo-Abstimmung

Aber hier will ich mich auf die Wahrnahme der Lautheit von Musikstücken bei Wiedergabegeräten wie mp3-Playern oder Radios beschäftigen. Und da schlittern wir schon wieder in das nächste Dilemma. Wird die Musik mit Kopfhörer oder Lautsprecher gehört? Dudelt das Radio in der Küche, im Auto, in der Werkstatt am Ufer eines ruhigen Sees oder hat es sich der Hörer gegenüber den “Teufel” Boxen der Hifi-Anlage bequem gemacht? An allen Orten wird der Mensch das technisch absolut gleiche Audiomaterial anders wahrnehmen! Und nicht nur das! Auch die Hörgewohnheiten des Menschen beeinflussen diese Wahrnahme. Hört jemand fast ausschließlich laut über Kopfhörer, so gewöhnen sich die Ohren derart an diese Lautheitswahrnehmung, dass derjenige gar nicht in der Lage ist, sachlich die Lautheit über Boxen beurteilen zu können oder umgekehrt. Es ist in etwa wie mit dem Geruchssinn. Mit der Zeit wird der Geruchssinn des Menschen “taub” für den gleichen Duft. Um ein und denselben Duft nach längerer Zeit genauso wahrnehmen zu können muss er immer stärker sein! Nur die Abwechslung kann da Abhilfe schaffen. So ähnlich ist es auch mit den Tönen.

Die gerade geschilderten unterschiedlichen Bedingungen des Umfeldes auf das Lautheitsempfinden sowie die technische Begrenzung der maximalen Lautstärke haben die Menschen nicht davon abgehalten, Versuche zu unternehmen, diese Unterschiede “glatt zu bügeln”. Mit der oben bereits erwähnten “Verdichtung” also Kompression von Musik begann der sog. “Lautheitskrieg”. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema, welches endgültig für diesen Blogpost zu weit führen würde.

Den größten Teil meines Berufslebens habe ich mit der Bearbeitung von Tönen verbracht. In einer sog. Hörbücherei für Blinde war ich z.B. für die Aufnahme und Bearbeitung von Hörbüchern zuständig. Romane von zwei oder dreihundert Seiten können schonmal zu einer Hördauer von 10, 20 und mehr Stunden führen. Wenn ich mich bei der Studioproduktion nur auf die Kopfhörer verließ, wurde ich sozusagen taub für die Töne, die aus den Lautsprecherboxen kamen. Natürlich können Kopfhörer ein detailreiches Klangbild wiedergeben aber man sollte sich nicht ausschließlich darauf verlassen! Ein weiteres Problem ist das Frequenzspektrun. Ein Sprecher mit schön sonorem Bass kann diese Wirkung fast ausschließlich im Studio zur Geltung bringen. Hörte man die Aufnahme damals auf einem “Plaste-Kassettenrekorder” war der Bass allenfalls noch ein “Resonanzbrummen” des Rekordergehäuses. Was also tun, um trotzdem mit unterschiedlichen Geräten und in unterschiedlichen Situationen ein ausgewogenens Klangbild zu bekommen? Die Antwort ist kurz! Die “Patentlösung” habe ich auch nach ca. 30 Jahren Tätigkeit in diesem Bereich nicht gefunden!

Wenn man den Eindruck von gleicher Lautheit über unterschiedliche Gengres und Abhörsituationen (erreicht) hat, dann lohnt es sich, einmal die Dynamik der Musiktiteln zu untersuchen. Dabei wird man feststellen, dass vieles von dem was wir heute zu hören bekommen “totkomprimiert” ist. Nicht nur, dass damit der Musik und den Interpreten “Gewalt” angetan wird, es führt auch zu einer dauerhaft veränderten und zwar minderwertigen Wahrnahme der Lautheit bei uns Menschen. Wir tun praktisch alles dafür, um uns in diesem Bereich zurück zu entwickeln. Damit sind wir bei einem weiteren Faktor den wir bisher gar nicht berücksichtigt haben: Die gesundheitliche und psychische Verfassung des Hörers! Denn was ich heute als wohltuendes Klangbild empfinde, das kann mir morgen “dünn und flach” vorkommen. Aber auch dies würde für diesen Blogpost zu weit führen!

Ein anderer Aspekt der menschlichen “Fähigkeiten” ist die “willentliche” Selektion von Tönen. Wir können aus einem Klanggemisch herausfiltern was uns wichtig erscheint! Wir hören das dann praktisch  “lauter” oder “zoomen” quasi in das Klanggemisch oder Musikstück hinein als würden wir ein Richtmikrofon verwenden. Ich denke, dies ist kaum einem Menschen bewusst. Dass das aber so ist zeigen z.B. die Probleme, die Schwerhörige mit Hörgeräten haben. Diese Geräte konnten, zumindest früher, nur “alles” lauter machen, was die eingebauten Mikrofone aufnahmen. Diese Verstärkung aller Klänge ist für den Schwerhörigen aber manchmal alles andere als hilfreich. Kein Wunder wenn dann die Enkel sagen “Opa, hast Du Dein Hörgerät schon wieder ausgeschaltet?”

Höhen und Tiefen Foto: xPilgrim

Höhen und Tiefen

Und dann wäre da noch die Art der Musik. Ebenfalls eine Ursache für unterschiedliches Lautheitsempfinden. Der sog. Drum’n’Bass ist ein extremes Beispiel. Er “überlistet” sozusagen die Lautheits-Algorithmen weil sie tiefe Töne “unterbewerten”. Menschen, die diese Musik mögen, “spüren” sie mitunter mehr als dass sie sie hören. Die Väter des alten Dampfradios spendierten den soliden Geräten Frequenzfilter, die die unterschiedliche Art der Musik unterstreichen sollte, z.B. für Jazz oder Klassik. Das ist eigentlich auch nichts anderes als eine Lautheitsverstärkung bestimmter Frequenzbereiche.

Während meiner letzten Berufsjahre konnte ich in einem kleinen Fernseh- später Radiosender weitere Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln. Dieser Wechsel vom Fernsehen zum Radio hat bei mir eine andere Eigenschaft bezüglich der empfundenen Lautheit und Tonverständlichkeit unterstrichen: Das Bild ist oft stärker als der Ton! Ein “schlechter” Ton im Fernsehen wird mitunter weniger als “schlecht” wahrgenommen. Hört man den gleichen Ton im Radio, so treten die Schwächen z.B. einer Tonaufnahme eines Interviews mit starken Nebengeräuschen umso mehr zu Tage.

Will man ein möglichst ausgewogenes Lautheits-Klangbild im Radio erreichen muss man die Sache nach meinen Erfahrungen einschränken: Konzentration auf die häufigsten “Abhörsituationen” und Einschränkung der Musik-Art. Beurteilung des Ergebnisses nicht allen durchs Hören, sondern visuelle Hilfsmittel mit einbeziehen. Und man muss Qualitätseinbusen besonders im Hinblick auf Dynamik hinnehmen. Man wird sich von der Vorstellung verabschieden müssen, dass man es mit der Lautheit jedem recht machen kann. Denn auch die Diskussion um die Art der Musik, die ein Sender spielen soll, findet kein Ende…

Wie kommt man nun ganz praktisch zu einer ausgewogenen Lautheit im Radio? Damit treten wir ein in das nächste Labyrinth mit “1000” Ausgängen! Und dieser Blogpost ist nichts weiter als eine Art Vorwort dazu, auf das “wesentliche geschrumpft”. Vielleicht gibt es hier irgendwann einen weiterführenden Link 😉

Trackbacks & Pings

  • Lautheit von Musikdateien – Pilgerweg :

    […] die Wahrnehmung der Lautheit von Musik eines Radioprogramms beeinflussen können habe ich in diesem Blogpost aufgeschrieben. Was kann man nun aber tun um eine möglichst ausgewogenen Lautheit für den […]

    3 months ago

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