Roots, Folk, Worldmusic On Air

Salah Ammo

Salah Ammo war Mitwirkender an dem Projekt Arche Noah reloded. Während der Proben hatte ich ein sehr angenehmes Gespräch mit ihm.

Etwas Wehmut mischt sich unter meine Gedanken an das Rudolstadt Festival 2017. Über sieben Jahre wurde meine Vorstellung verwirklicht, die vielfältige Folk- und Weltmusik auf ebenso vielfältige Weise unmittelbar vom Fest ins Radio zu bringen. Natürlich ist das nichts ungewöhnliches. Die Präsenz nationaler wie internationaler Rundfunkstationen jedes Jahr in Rudolstadt belegt das. Allerdings liegt bei den meisten Sendern der Schwerpunkt wohl eher auf der Aufzeichnung von Konzerten und entsprechenden Nachberichten. Als im Jahre 2009 der SRB – Das Bürgerradio für den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt entstand, ließ mich die Idee nicht los, live und direkt von diesem außergewöhnlichen Festival zu senden.

Das Bürgerradio befand sich noch im Aufbau. Redaktionelle Arbeit musste erst entwickelt werden, die technische Basis war recht “zusammengewürfelt” und die Zahl der Mitwirkenden überschaubar. Aber vielleicht war das gut so. Es bot die Chance, aus dem Mangel eine Tugend zu machen, ein Konzept, in das sich jedes Thüringer Bürgerradio einbringen konnte. Leitung und Vorstand, Cornelia und Matthias Moersch, sowie mein Kollege Jenz Löffler unterstützten das Vorhaben.

Hinweis im Programmheft

Hinweis im Programmheft

Der Rundruf in den Thüringer Bürgerradios verhallte nicht ungehört. Aktivisten der ersten Stunde waren Stefan Dietrich und Frank Weiffen von Radio Funkwerk. Ein Jahr später waren Marco Fischer vom Wartburgradio und Kollegen von Radio LOTTE aus Weimar mit am Start. Olaf Schulze vom OK Nordhausen, selbst Stagemanager beim Fest, brachte seine hervorragenden Kontakte und Folk Kenntnisse ein. Er hatte schon Jahre vorher regelmässig vom Fest berichtet und produziert das sog. “Warm up”. Die Live-Sendezeit erhöhte sich von Jahr zu Jahr, alle Thüringer Bürgerradios übertrugen die Sendung. Jenz Löffler übernahm in einem Jahr komplett die Produktion vor Ort und später teilten wir uns diese Aufgabe. Es vergingen einige Jahre bis der SRB mit dem Radioprofi Holger Elias von “Radio Wanderbühne” ebenfalls eine Sendestunde gestalten konnte. Vom Wartburgradio hat sich Sarah Wahnelt hauptsächlich bei den Straßenmusikern des Festivals umgehört. Durch Marco Fischers Engagement wurden wir schließlich Medienpartner des Festivals für die Veranstaltungen in der Aula der Stadtbibliothek.

Natürlich verlief die Kooperation nicht reibungslos. Ungewöhnlich für die damalige Zeit war z.B. die Zusammenarbeit von sog. nicht-kommerziellen Lokalradios und Offenen Kanälen. Vielleicht war es auch eine kleine Wegmarke auf der Entwicklung dieser beiden Radioformen hin zu den Bürgerradios, wie sie nun im Mediengesetz verankert sind. Die langjährige und beständige Kooperation sucht vielleicht ihresgleichen im Thüringer Bürgerfunk.

Offene Software zur Liveübertragung

Offene Software zur Liveübertragung

Über die Jahre “spielte” auch die Technik immer reibungsloser. In der ersten Zeit wurden Rechner aus den Radiostudios ausgebaut und aufs Fest “geschleppt” um vor Ort dann mit weiterer Technik aus den anderen Bürgerradios komplettiert zu werden. 2016 zeigte meine mehrjährige, Arbeit in der Nutzung, Konzeption und Entwicklung offener Sofware ihre Früchte. Die Liveproduktion und Übertragung erfolgte erstmals zu 100% mit Open Source Software. Wie ich meine ganz im Sinne des Anliegens des Festivals und der Bürgermedien. “Folk und Roots” – der Untertitel des Festivals macht es deutlich. Musik entsteht sozusagen aus dem “Innern” des Menschen, an der Basis, darauf hat niemand ein Patent. Bürgermedien werden als die dritte Säule der bundesdeutschen Medienlandschaft bezeichnet. Sie besinnen sich ebenso auf die Basis, und sollte die nicht frei von proprietären und kommerziellen Abhängigkeiten sein? Die mehrjährige Praxis hat überdies zahlreiche, fachlich – sachliche Vorteile unter Beweis gestellt. Auf die Probe gestellt wurde unsere Improvisationsfähigkeit allerdings immer wieder. Einmal war alles für die Übertragung eingerichtet, die Pegel stimmten, die Moderatoren standen bereit, Batterien in den Mikros waren überpüft: Da fiel der Strom aus – Wie sich später herausstellte, hatte ein Händler auf dem Vorplatz einen defekten Kühlschrank anschließen wollen. Aber auch hier zeigte sich, dass das Projekt nur durch die Mitwirkung so vieler Engagierter gelingen konnte. Der von dem Festival beauftragte Elektrodienst war schnell vor Ort. Minuten vor Sendebeginn hatten wir wieder Strom. Ebenso hat uns der EDV-Dienst der Stadtverwaltung jeweils hervorragend unterstützt und “präparierte” die Datenleitung für unsere Besonderheiten.

Die Medien haben sich in den letzten Jahren enorm verändert und entwickelt. Nach meiner Einschätzung hat es das Radio dabei schwer. Es verfügt nicht über die Bilder, die Aufmerksamkeit in den sozialen Netzwerken erzeugen. Die Nachhaltigkeit eines Radioprogramms in der digitalen Welt ist vergleichsweise gering. Man sagt: “Es versendet sich..”. Heute ist es unerlässlich ein Radioprogramm durch Kampagnen in sozialen Medien zu begleiten. Zufrieden mit dem Erreichten war ich dabei nie. Der verfügbare Internetzugang für die Livesendung war unzureichend. facebook-Posts und aufbereitete Dateien tragen als Zeitstempel zuweilen zwei, drei oder vier Uhr morgens. Social Media Management Tools befanden sich damals noch in den Kinderschuhen… Denn wenn die Informationen nicht unmittelbar nach Ende des Ereignisses online sind, dann “verpuffen” sie so wie sich das live gesprochene Wort “versendet”. Aber inzwischen hat das Projekt durch die Unterstützung von Stefan Dietrich eine eigene Webseite. Über die Jahre hatte ich ein umfangreiches Podcast-Angebot aufgebaut. Anfang 2017 ging es leider offline.

Olaf Schulze (m) mit Thomas Helbig (r) und Martin Hagenberg (l)

Aber der Wunsch nach größerer Nachhaltigkeit traf sich glücklicherweise mit einem “alten Bekannten”. Martin Hagenberg war zusammen mit einem weiteren Studenten einer der ersten Praktikanten im Offenen Kanal Saalfeld. Bei einer Pressekonferenz des Tanz- und Folkfestes traf ich ihn wieder. Inzwischen arbeitete er als Chefredakteur für das Portal festivalhopper mit beeindruckenden Mediadaten. Schnell waren wir uns einig, dass zwischen Online und Radio Synergien entstehen können. Die Kooperation beinhaltete die Übernahme des Radio-Livestreams auf die Webseite festivalhopper.de, außerdem wurde dort über die Inhalte unserer Sendungen informiert. Eine enorme Erweiterung unserer Reichweite.

Später kooperierten wir regelmässig in der Berichterstattung. “Mein” Azubi Frank Weber, selbst Musiker und Worldmusic-Fan, war der perfekte Reporter. Martin Hagenberg und seine Kollegen übernahmen die Fotosessions, die Redaktion und Gestaltung der Online-Berichte, ergänzt durch unsere Radiobeiträge. Manchmal war es auch mir vergönnt hinter der Bühne mit dem Mikrofon die Stimmen der Weltmusik einzufangen. Noch heute stellen sich mir die Nackenhaare auf, wenn ich z.B. an die Begegnung mit der lebenden Legende Jimmy Lee Carter von den Blind Boys of Alabama denke. Oder an den Moment, als ich im “Kessel” mit Gal Klein von Ramzailech kniete, dokumentiert bei “arte in concert”. Einige der anschaulichen Berichte, die bei festivalhopper erschienen, sind unten aufgeführt. Leider hatte “der Schüler” seinerzeit im Englischunterricht die notwendige Disziplin und Aufmerksamkeit vermissen lassen. Deshalb bin ich meinen Kindern, Manuel, Johanna und Eva-Maria besonders dankbar, dass sie mich bei vielen Interviews mit enlischsprachigen Künstlern unterstützten.

Natürlich nicht zu vergessen die Gäste in unserem Livesendestudio. Es war in der freundlichen und schönen Atmosphäre der Rudolstädter Stadtbibliothek und ihrer Mitarbeiter bestens verortet. Regelmäßig eröffnete der Rudolstädter Bürgermeister oder die Festival-Leiterin Petra Rottschalk unsere Talkrunden. Olaf Schulze heuerte Urgesteine wie Manfred Maurenbrecher oder RUTH-Preisgewinner Die Strottern an. Marco Fischer quetschte Wolfgang Meyering aus, dessen Magie-Projekte über Jahre ein Highlight des Festivals waren. Die Jenenser Ralf Kuttke und Günter Platzdasch stellten sich der Mammutaufgabe, aus wohl mindestens 10 Stunden Material eine zusammenfassende “Reprise” zu produzieren. Ein herzlicher Dank auch den vielen, die hinter den Kulissen mitwirkten, sich um Gäste gekümmert haben oder die Regler des Mixers bedienten, so Marlen GabelMartin Blochberger und Timotheus Fröbel. Man wird dem schönsten Ereignis nicht gerecht, wenn nicht im Vorfeld und im Nachgang darüber berichtet wird. Hier gilt meinen Azubis besonderer Dank: Christoph, Linda, Ramona und Frank. Sie waren zum Teil bereits vor der “Radioära” mit der Kamera unterwegs und lernten dabei ihr Handwerk als Mediengestalter für Bild und Ton.

Man mag mir verzeihen, wenn ich Namen nicht nannte die dieses Projekt zu einem meiner Schönsten gemacht haben. Ein herzlicher Dank geht an alle, die es ermöglichten! Nicht zuletzt danke ich herzlichst meiner Frau Gabriele, mit deren Unterstützung und Verständnis ich immer rechnen konnte. Sieben mal habe ich viel Energie eingebracht und vielfältiger zurück bekommen. Die 7 ist eine gute Zahl. Sie macht es mir leichter, mich aufgrund einer langwierigen Erkrankung von der Mitwirkung an diesem Projekt zu verabschieden.

Aber eines war mir leider nicht vergönnt. Ich stellte die Frage in PKs und den Verantwortlichen des Festes immer wieder: Wann kommt Bob Dylan? Dabei hatte ich mir doch schon lange überlegt wie ich ein Gespräch, ganz im Sinne seiner Texte, mit dem Brecht-Zitat beginnen könnte:

Traue nicht deinen Augen
Traue deinen Ohren nicht
Du siehst Dunkel
Vielleicht ist es Licht.


Beiträge in Kooperation mit festivalhopper

Rudolstadt Festival präsentiert “Arche Noah reloaded”

Patrice und der Geist von Bob Marley – Interview beim TFF Rudolstadt

Magisch: Ramzailech beim TFF Rudolstadt und Gal Klein im Interview

“Viel Leidenschaft und Energie” – Edward Sharpe im Interview beim TFF Rudolstadt

“People get ready” – The Blind Boys Of Alabama zum Interview beim TFF

Shantel im Interview beim TFF Rudolstadt – “Wie ein Alien”

ZaZ im Interview zum TFF Rudolstadt

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